Wer zum ersten Mal eine Optionskette im Broker öffnet, sieht Hunderte Zeilen mit Zahlen und zwei Spalten, über denen „Calls“ und „Puts“ steht. Das wirkt kompliziert, ist es aber nicht. Hinter jeder dieser Zeilen steckt dieselbe einfache Vereinbarung, nur mit anderen Werten. Wenn du die Vereinbarung einmal verstanden hast, kannst du jede Zeile lesen.
In diesem Artikel erkläre ich dir, was eine Option ist, was Call und Put unterscheidet und welche vier Positionen sich daraus ergeben. Dazu rechne ich ein Beispiel durch: was du bezahlst, was du im besten und im schlechtesten Fall verdienst oder verlierst, und ab welchem Kurs sich der Trade lohnt. Den größeren Rahmen, also wie man den Optionshandel Schritt für Schritt lernt, findest du im Einstieg in den Optionshandel.
Eine Option ist das Recht, eine Aktie zu einem festen Preis bis zu einem festen Datum zu kaufen oder zu verkaufen. Der Käufer bezahlt für dieses Recht, der Verkäufer wird dafür bezahlt.
Was ist eine Option?
Eine Option ist ein Vertrag zwischen zwei Seiten. Die eine Seite kauft ein Recht, die andere verkauft es und übernimmt damit eine Pflicht. Der Käufer zahlt dafür einen Preis, die Prämie. Der Verkäufer bekommt die Prämie sofort und behält sie in jedem Fall, ob die Option später etwas wert ist oder nicht.
Jede Option ist durch vier Angaben festgelegt:
- Basiswert: worauf sich die Option bezieht, zum Beispiel die Apple-Aktie oder der S&P 500.
- Strike: der vereinbarte Preis, zu dem gekauft oder verkauft werden darf. Auf Deutsch heißt er Basispreis, im Broker steht fast immer Strike.
- Verfallstag: bis wann das Recht gilt. Danach ist die Option entweder ausgeübt oder wertlos.
- Art: ob es ein Recht zum Kaufen ist, ein Call, oder ein Recht zum Verkaufen, ein Put.
Eine Angabe fehlt in dieser Liste, weil sie bei US-Aktienoptionen immer gleich ist: Eine Option, ein sogenannter Kontrakt, bezieht sich auf 100 Aktien. Der Preis in der Optionskette steht aber je Aktie. Steht dort 1,50, kostet ein Kontrakt also 150 USD. Diese Kontraktgröße zu vergessen ist der häufigste Rechenfehler am Anfang.
Call und Put: der Unterschied
Ein Call ist das Recht, den Basiswert zum Strike zu kaufen. Er wird wertvoller, wenn der Kurs steigt. Wer heute einen Call mit Strike 105 besitzt und die Aktie steht am Verfallstag bei 115, darf sie für 105 kaufen, obwohl sie 115 wert ist. Dieser Unterschied von 10 USD je Aktie ist der Wert der Option.
Ein Put ist das Recht, den Basiswert zum Strike zu verkaufen. Er wird wertvoller, wenn der Kurs fällt. Wer einen Put mit Strike 95 besitzt und die Aktie fällt auf 85, darf sie trotzdem für 95 verkaufen. Deshalb funktioniert ein Put wie eine Versicherung: Er legt einen Mindestpreis fest.
| Call | Put | |
|---|---|---|
| Recht des Käufers | zum Strike kaufen | zum Strike verkaufen |
| Wird wertvoller, wenn | der Kurs steigt | der Kurs fällt |
| Pflicht des Verkäufers | zum Strike liefern | zum Strike abnehmen |
| Typischer Zweck | auf steigende Kurse setzen, Einnahmen auf Aktien im Depot | absichern, auf fallende Kurse setzen, Aktien günstiger kaufen |
Käufer und Verkäufer: die vier Grundpositionen
Zu jedem Call und jedem Put gibt es einen Käufer und einen Verkäufer. Daraus ergeben sich genau vier Positionen. Wer kauft, ist Long, wer verkauft, ist Short.
- Long Call: Du kaufst einen Call und setzt auf steigende Kurse.
- Short Call: Du verkaufst einen Call und nimmst die Prämie ein. Du verdienst, solange der Kurs nicht über den Strike plus Prämie steigt.
- Long Put: Du kaufst einen Put und setzt auf fallende Kurse oder sicherst Aktien ab.
- Short Put: Du verkaufst einen Put und nimmst die Prämie ein. Du verdienst, solange der Kurs nicht unter den Strike minus Prämie fällt. Fällt er darunter, musst du die Aktie zum Strike kaufen.
Wer verkauft, heißt auch Stillhalter: Er hält still und wartet, ob der Käufer sein Recht nutzt. Für ihn arbeitet die Zeit, denn eine Option verliert bis zum Verfall an Wert, wenn sich der Kurs nicht bewegt. Für den Käufer arbeitet dagegen die Bewegung. Beide Seiten können Geld verdienen, nur unter verschiedenen Bedingungen.
Rechenbeispiel: alle vier Positionen an einer Aktie
Nimm eine Aktie, die bei 100 USD steht. Bis zum Verfall sind es 30 Tage. In der Optionskette findest du zwei Optionen, beide aus dem Geld:
- einen Call mit Strike 105 für 1,50 USD je Aktie, also 150 USD je Kontrakt,
- einen Put mit Strike 95 für ebenfalls 1,50 USD, also 150 USD je Kontrakt.
Die Zahlen sind konstruiert, liegen aber nah an dem, was eine Aktie mit einer impliziten Volatilität um 30 Prozent bei dieser Laufzeit tatsächlich kostet. Dass Call und Put gleich viel kosten, ist Zufall des Beispiels. Bei Aktien ist der Put gleich weit aus dem Geld meist etwas teurer als der Call, weil sich Anleger gegen fallende Kurse absichern wollen.
So sieht das Ergebnis am Verfallstag aus, je Kontrakt und je nach Kurs:
| Kurs am Verfall | 85 | 95 | 100 | 110 | 115 |
|---|---|---|---|---|---|
| Long Call 105 | −150 | −150 | −150 | +350 | +850 |
| Short Call 105 | +150 | +150 | +150 | −350 | −850 |
| Long Put 95 | +850 | −150 | −150 | −150 | −150 |
| Short Put 95 | −850 | +150 | +150 | +150 | +150 |
Am Beispiel Long Call bei 115: Der Call ist dann 10 USD je Aktie wert, denn du darfst für 105 kaufen, was 115 kostet. Abzüglich der bezahlten 1,50 bleiben 8,50 je Aktie, mal 100 Aktien sind das 850 USD. Bei 100 ist der Call wertlos, und du verlierst die bezahlten 150 USD, mehr aber nicht.
Die Tabelle zeigt etwas, das man leicht übersieht: Käufer und Verkäufer derselben Option sind Spiegelbilder. Was der eine gewinnt, verliert der andere. Optionen erzeugen kein Geld, sie verteilen Chancen und Risiken zwischen zwei Seiten um. Gebühren lasse ich in diesem Beispiel weg.
Maximaler Gewinn, maximaler Verlust, Break-even
| Position | Max. Gewinn | Max. Verlust | Break-even |
|---|---|---|---|
| Long Call 105 | unbegrenzt | 150 (die Prämie) | 106,50 |
| Short Call 105 | 150 (die Prämie) | unbegrenzt | 106,50 |
| Long Put 95 | 9.350 (Aktie fällt auf 0) | 150 (die Prämie) | 93,50 |
| Short Put 95 | 150 (die Prämie) | 9.350 (Aktie fällt auf 0) | 93,50 |
Der Break-even ist der Kurs, ab dem die Position am Verfallstag weder Gewinn noch Verlust macht. Beim Call ist das Strike plus Prämie, also 105 + 1,50 = 106,50. Beim Put ist es Strike minus Prämie, also 95 − 1,50 = 93,50. Für den Käufer des Calls heißt das: Die Aktie muss nicht nur steigen, sie muss bis zum Verfall um mehr als 6,5 Prozent steigen, damit er Geld verdient.
Warum der Short Call ohne Absicherung nichts für den Anfang ist: Eine Aktie kann theoretisch unbegrenzt steigen, also ist auch der Verlust aus einem verkauften Call unbegrenzt. Man nennt das eine nackte Option. Wer die 100 Aktien besitzt, ist dagegen gedeckt: Das ist der Covered Call. Der Short Put ist begrenzt, aber nicht klein. Wer ihn verkauft, sollte das Geld für den Kauf der Aktien zum Strike bereithalten, hier 9.500 USD. Das nennt man Cash Secured Put.
Was der Hebel bedeutet
Vergleiche den Long Call mit dem Kauf der Aktie selbst. 100 Aktien kosten 10.000 USD, der Call kostet 150 USD. Steigt die Aktie auf 115, verdienst du mit den Aktien 1.500 USD, also 15 Prozent. Mit dem Call verdienst du 850 USD, das sind über 500 Prozent auf deinen Einsatz. Bleibt die Aktie dagegen bei 100, hast du mit den Aktien nichts verloren, mit dem Call aber alles, was du eingesetzt hast. Das ist der Hebel: Er wirkt in beide Richtungen, und die Zeit läuft gegen den Käufer.
Innerer Wert und Zeitwert
Die Prämie einer Option besteht aus zwei Teilen. Der innere Wert ist das, was die Option sofort wert wäre, wenn man sie jetzt ausüben würde. Der Zeitwert ist alles, was darüber hinaus bezahlt wird: der Preis dafür, dass bis zum Verfall noch etwas passieren kann.
Zurück zum Call mit Strike 105. Angenommen, zehn Tage vor dem Verfall steht die Aktie bei 110. Der Call kostet dann rund 5,50 USD. Davon sind 5,00 innerer Wert, denn 110 minus 105 sind 5. Die restlichen 0,50 sind Zeitwert. Steht die Aktie zehn Tage vor dem Verfall dagegen bei 100, kostet derselbe Call noch rund 0,40 USD, und das ist reiner Zeitwert. Ein innerer Wert ist nicht da, weil niemand für 105 kauft, was für 100 zu haben ist.
Der Zeitwert schmilzt bis zum Verfallstag auf null. Das ist der Grund, warum die Zeit für den Verkäufer arbeitet und gegen den Käufer. Wie schnell das geht, misst eine Kennzahl namens Theta, eine der sogenannten Griechen.
Im Geld, am Geld, aus dem Geld
Diese drei Begriffe beschreiben, wo der Strike im Verhältnis zum Kurs liegt. Im Broker stehen sie meist englisch und abgekürzt:
| Begriff | Call | Put | Innerer Wert |
|---|---|---|---|
| ITM, im Geld | Kurs über Strike | Kurs unter Strike | ja |
| ATM, am Geld | Kurs etwa gleich Strike | Kurs etwa gleich Strike | keiner, aber der größte Zeitwert |
| OTM, aus dem Geld | Kurs unter Strike | Kurs über Strike | nein, nur Zeitwert |
In unserem Beispiel waren beide Optionen beim Kauf aus dem Geld: der Call, weil die Aktie bei 100 unter dem Strike 105 stand, und der Put, weil sie über dem Strike 95 stand. Wie stark eine Option auf den Kurs reagiert, zeigt das Delta. Der Call 105 hat beim Kurs 100 ein Delta um 0,30: Steigt die Aktie um einen Dollar, steigt der Call um etwa 30 Cent. Je weiter eine Option ins Geld läuft, desto näher rückt ihr Delta an 1.
Was am Verfallstag passiert
Am Verfallstag gibt es zwei Möglichkeiten. Liegt die Option aus dem Geld, verfällt sie wertlos. Der Käufer hat die Prämie verloren, der Verkäufer behält sie, und es passiert nichts weiter.
Liegt die Option im Geld, wird sie bei US-Aktienoptionen automatisch ausgeübt, sobald sie mindestens einen Cent im Geld ist. Der Käufer kann das abwählen, muss es aber ausdrücklich tun. Auf der anderen Seite bekommt ein Verkäufer die Zuweisung, englisch Assignment: Beim Short Put kauft er 100 Aktien zum Strike, beim Short Call liefert er 100 Aktien zum Strike.
In der Praxis lassen es die meisten gar nicht so weit kommen. Eine Option kann man jederzeit vor dem Verfall an der Börse zurückkaufen oder verkaufen und so die Position schließen. Wer eine Position nicht schließen, sondern verlängern will, rollt die Option auf einen späteren Verfall.
Amerikanisch oder europäisch: US-Aktienoptionen sind amerikanisch. Der Käufer darf sie an jedem Tag bis zum Verfall ausüben, also kann ein Verkäufer auch vorher eine Zuweisung bekommen, bei Calls am ehesten kurz vor einem Dividendentermin. Indexoptionen wie die auf den S&P 500 (SPX) sind europäisch: Sie werden nur am Verfallstag ausgeübt und in Geld abgerechnet, Aktien wechseln dabei nicht den Besitzer.
Wofür man Optionen nutzt
Aus den vier Grundpositionen ergeben sich drei Zwecke, und fast jede Strategie dient einem davon:
- Auf eine Richtung setzen mit begrenztem Einsatz: Long Call bei steigenden, Long Put bei fallenden Kursen. Der Verlust ist auf die Prämie begrenzt, aber die Bewegung muss groß genug und schnell genug kommen.
- Absichern: Ein gekaufter Put legt für Aktien im Depot einen Mindestpreis fest. Wie eine Versicherung kostet das eine Prämie, und wie bei einer Versicherung verfällt sie oft ungenutzt.
- Einnahmen erzielen als Stillhalter: Short Put, Covered Call und die Spreads daraus. Im Schnitt, über viele Trades, werden Optionsverkäufer für das Risiko bezahlt, das sie übernehmen. Im einzelnen Trade kann ein großer Verlust viele kleine Gewinne aufzehren.
Ich handle überwiegend auf der Verkäuferseite, und immer mit begrenztem Risiko. Dafür kombiniert man eine verkaufte Option mit einer gekauften weiter aus dem Geld, die den Verlust begrenzt. Ein Bull Put Spread zum Beispiel ist ein Short Put mit einem Long Put darunter. Welche Strategie zu welcher Marktlage passt, habe ich in Welche Optionsstrategie passt? zusammengestellt. Warum eine hohe Trefferquote beim Stillhalten allein noch nichts aussagt, steht in Trefferquote berechnen.
Die fünf häufigsten Rechenfehler am Anfang
- Kontraktgröße vergessen: Der Preis steht je Aktie. Ein Kontrakt sind 100 Aktien, aus 1,50 werden 150 USD.
- Break-even ignorieren: Ein Call mit Strike 105 verdient nicht ab 105, sondern erst ab Strike plus Prämie.
- Zeitwert unterschätzen: Wer Optionen kauft, braucht die richtige Richtung und das richtige Tempo. Kommt die Bewegung zu spät, ist der Zeitwert schon weg.
- Pflicht des Verkäufers übersehen: Wer einen Put verkauft, muss die Aktien zum Strike kaufen können. Das Geld dafür muss da sein.
- Geld-Brief-Spanne nicht beachten: Zwischen Bid und Ask liegt bei wenig gehandelten Optionen viel Geld. Mit einem Limit in der Mitte statt einer Market-Order handeln.
Fazit
Ein Call ist das Recht zu kaufen, ein Put das Recht zu verkaufen. Wer eine Option kauft, zahlt eine Prämie und riskiert genau diese Prämie. Wer eine Option verkauft, bekommt die Prämie und übernimmt eine Pflicht, die teuer werden kann. Daraus entstehen vier Grundpositionen, und jede Strategie, von der du später hörst, ist eine Kombination aus ihnen.
Bevor du die erste Order aufgibst, rechne für jede Position drei Zahlen aus: was du maximal verdienen kannst, was du maximal verlieren kannst, und wo der Break-even liegt. Wenn du diese drei Zahlen nicht nennen kannst, verstehst du den Trade noch nicht. Das klingt streng, aber diese drei Zahlen verhindern die meisten bösen Überraschungen.
Für jeden Trade drei Zahlen: maximaler Gewinn, maximaler Verlust, Break-even. Erst dann die Order.
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Weiterbildung. Er stellt keine Anlageberatung oder konkrete Handlungsempfehlung dar. Der Optionshandel ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals führen, bei ungedeckten Verkaufspositionen auch darüber hinaus. Die Zahlen im Rechenbeispiel sind konstruiert und dienen nur der Veranschaulichung.