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Optionsstrategien

Welche Optionsstrategie passt? Drei Schritte statt zwei

Die meisten wählen ihre Strategie in zwei Schritten: erst die Meinung zum Markt, dann die passende Struktur. Dazwischen fehlt eine Frage, die entscheidet, ob der Trade überhaupt richtig gebaut ist. Drei Schritte sind besser als zwei. Ich mache mehr, aber anfangen solltest du mit drei.

Fast jeder, der mir erzählt, wie er seine Optionsstrategie auswählt, beschreibt zwei Schritte. Erst die Meinung zum Markt: steigt, fällt, bleibt stehen. Dann die Strategie, die dazu passt: bullish also Bull Put Spread, seitwärts also Iron Condor. Fertig. Das ist nicht falsch, aber es fehlt ein Schritt, und dieser eine Schritt erklärt, warum dieselbe Strategie im Frühjahr Geld verdient und im Herbst nicht.

Der fehlende Schritt ist die Frage, ob Optionen gerade teuer oder günstig sind. Sie gehört zwischen Marktmeinung und Strategie. In diesem Artikel zeige ich dir die drei Schritte, warum drei besser sind als zwei, und am Ende, was ich selbst zusätzlich prüfe. Mit dem Zusatz solltest du nicht anfangen. Mit den drei Schritten schon.

Die Marktmeinung sagt, in welche Richtung du handelst. Das Vola-Regime sagt, ob du Optionen kaufst oder verkaufst. Erst dann kommt die Strategie.

Die drei Schritte auf einen Blick
Erst die Richtung, dann der Vola-Zweig, dann die Strategie aus dem passenden Kasten
1 · MARKTMEINUNG bullish neutral bearish 2 · VOLA-REGIME GÜNSTIG · IVP unter 40 Optionen kaufen · Debit-Strategien NORMAL · IVP 40 bis 70 beides möglich, Richtung entscheidet TEUER · IVP über 70 Optionen verkaufen · Credit-Strategien 3 · STRATEGIE Bullish Long Call · Bull Call Spread PMCC · Call-ZEBRA Neutral Calendar Spread Bearish Long Put · Bear Put Spread Put-ZEBRA Bullish Call-ZEBRA Bull Call oder Bull Put Spread Neutral Butterfly Bearish Put-ZEBRA Bear Put oder Bear Call Spread Bullish Bull Put Spread · Cash-Secured Put Covered Call bei Aktienbestand Neutral Iron Condor · Iron Butterfly Bearish Bear Call Spread

Der übliche Weg hat zwei Schritte, und einer fehlt

Nimm einen Trader, der bullish auf eine Aktie ist. Er kauft einen Bull Call Spread, weil er das so gelernt hat: klare Richtung, begrenztes Risiko. Die Aktie steigt tatsächlich, drei Prozent in zwei Wochen. Und der Spread steht trotzdem im Minus.

Was ist passiert? Als er gekauft hat, war die implizite Volatilität der Aktie so hoch wie an fast keinem Tag des letzten Jahres. Die Optionen waren teuer. Dann beruhigte sich der Markt, die Vola fiel, und mit ihr der Wert der gekauften Optionen. Der Kursgewinn wurde vom Vola-Verlust aufgefressen. Die Richtung stimmte, der Trade war trotzdem falsch gebaut.

Derselbe Trader mit derselben Meinung hätte einen Bull Put Spread mit Strikes unter dem Kurs verkaufen sollen. Gleiche Richtung, ebenfalls begrenztes Risiko, aber er hätte die teuren Optionen verkauft statt gekauft. Der Vola-Rückgang hätte für ihn gearbeitet, nicht gegen ihn.

Der Zwei-Schritte-Trader kann diesen Unterschied nicht sehen, weil er nie danach fragt. Für ihn ist „bullish“ gleich „Bull Call Spread“, egal was die Optionen kosten. Er hat eine Strategie pro Marktmeinung. Er bräuchte zwei pro Marktmeinung, und eine Regel, welche wann dran ist. Genau das liefert der dritte Schritt.

Schritt 1: Die Marktmeinung

Steigt der Kurs, bleibt er in einer Spanne oder fällt er? Das ist die erste Frage, und ohne Antwort gibt es keinen Trade. Woher die Meinung kommt, ist eine andere Geschichte: Chart, Fundamentaldaten, Marktbreite, das gehört in einen eigenen Artikel. Hier zählt nur, dass du eine hast und dass sie sich in eines von drei Wörtern fassen lässt: bullish, neutral, bearish. Wer die Strategien in der Tabelle unten noch nicht kennt, findet die Grundlagen im Einstieg in den Optionshandel.

Ein Einwand, den ich kenne: Es gibt eine Schule, die sagt, die Richtung sei nicht prognostizierbar, nur die Volatilität. Diese Trader gehen andersherum vor, Vola zuerst, Richtung egal. Das ist eine ehrliche Position, und für reine Prämienverkäufer auf Indizes funktioniert sie. Ich gehe trotzdem von der Marktmeinung aus, weil ich Aktien handle und weil bei Aktien die Richtung den größten Teil des Ergebnisses ausmacht. Die Vola entscheidet dann über die Bauweise, nicht über die Richtung.

Schritt 2: Das Vola-Regime

Sind die Optionen dieser Aktie gerade teuer oder günstig? Die Frage klingt einfach, hat aber eine Falle: „30 Prozent Volatilität“ sagt für sich nichts. Für eine Versorgeraktie wäre das extrem, für einen Halbleiterwert normal. Du brauchst einen Maßstab, der die Aktie mit ihrer eigenen Vergangenheit vergleicht.

Mein Maßstab ist die IV Percentile, kurz IVP. Sie sagt, an wie vielen Tagen des letzten Jahres die implizite Volatilität niedriger war als heute. IVP 80 heißt: An 80 Prozent der Tage waren die Optionen billiger als jetzt. Sie sind also teuer. IVP 20 heißt das Gegenteil. Jeder Broker und jeder Optionsscanner zeigt den Wert an.

Vola-RegimeIV PercentileOptionen sindGrundregel
Niedrigunter 40günstigOptionen kaufen: Debit-Strategien
Normal40 bis 70fair bepreistBeides möglich, die Richtung entscheidet
Hochüber 70teuerOptionen verkaufen: Credit-Strategien, immer mit begrenztem Risiko

Die Grenzen 40 und 70 sind Faustregeln, keine Naturgesetze. Sie teilen das Jahr grob in drei Bereiche und reichen für die Entscheidung, die hier ansteht: kaufen oder verkaufen. Wer es genauer braucht, findet im Artikel zum IV Z-Score, warum die IVP allein manchmal täuscht.

Was der Schritt wirklich entscheidet: Jede Optionsposition hat ein Vorzeichen gegenüber der Volatilität, das Vega. Gekaufte Optionen gewinnen, wenn die Vola steigt. Verkaufte gewinnen, wenn sie fällt. Der Zwei-Schritte-Trader legt dieses Vorzeichen zufällig fest, weil er es nicht prüft. Der Drei-Schritte-Trader legt es bewusst fest. Das ist der ganze Unterschied. Bei Spreads gilt die Faustregel „Debit gleich Long Vega, Credit gleich Short Vega“ für die üblichen Aufbauten mit Strikes aus dem Geld; streng genommen entscheidet die Lage der Strikes zum Kurs, nicht ob du netto zahlst oder kassierst.

Schritt 3: Die Strategie

Jetzt ist die Auswahl fast mechanisch. Die Marktmeinung wählt die Zeile, das Vola-Regime die Spalte. Im Schnittpunkt steht die Strategie, die du zuerst prüfst.

MarktmeinungVola niedrig (IVP < 40)Vola normal (40–70)Vola hoch (IVP > 70)
Bullish Long Call · Bull Call Spread · PMCC · Call-ZEBRA Call-ZEBRA · Bull Call Spread oder Bull Put Spread Bull Put Spread · Cash-Secured Put · Covered Call bei Aktienbestand
Neutral Calendar Spread Butterfly Iron Condor · Iron Butterfly
Bearish Long Put · Bear Put Spread · Put-ZEBRA Put-ZEBRA · Bear Put Spread oder Bear Call Spread Bear Call Spread

Lies die Tabelle von links nach rechts: Links kaufst du Optionen, rechts verkaufst du sie. In der Mitte entscheidet die Richtung, und dort steht die ZEBRA bewusst vorn, weil sie fast keinen Zeitwert trägt und deshalb von der Vola am wenigsten abhängt. Wie sich Bull Put Spread, Bull Call Spread und ZEBRA bei derselben Marktmeinung unterscheiden, habe ich an Amazon durchgerechnet.

Die Tabelle ist mit Absicht kurz. Sie enthält keine ungedeckten Short-Optionen, keine Ratio Spreads, keine Straddles. Nicht, weil die schlecht wären, sondern weil sie in diese Entscheidung nicht hineingehören. Wer die neun Felder sicher beherrscht, hat für jede Marktlage eine Antwort.

Warum drei Schritte besser sind als zwei

Drei Gründe, jeder für sich reicht mir.

Erstens: Du hast das Vega im Griff. Mit zwei Schritten weißt du nicht, ob deine Position von steigender oder fallender Vola profitiert. Du erfährst es, wenn es zu spät ist. Mit drei Schritten hast du es vorher entschieden, und zwar so, dass die wahrscheinlichere Vola-Bewegung für dich arbeitet: Hohe Vola fällt meistens wieder, also verkaufst du. Niedrige Vola steigt meistens wieder, also kaufst du. Wann das passiert, weiß niemand, deshalb bleibt die Richtung der Hauptgrund für den Trade.

Zweitens: Du hast zwei Strategien pro Meinung statt einer. Bullish bei IVP 20 ist ein anderer Trade als bullish bei IVP 80. Der Zwei-Schritte-Trader baut beide gleich und wundert sich, warum die Hälfte nicht funktioniert. Der Drei-Schritte-Trader baut den ersten als Debit-Spread oder ZEBRA und den zweiten als Credit-Spread oder Cash-Secured Put. Gleiche Meinung, andere Bauweise.

Drittens: Deine Trades werden auswertbar. Wenn du im Journal nach einem Jahr wissen willst, ob der Bull Put Spread für dich funktioniert, musst du wissen, unter welchen Bedingungen du ihn gehandelt hast. „Bullish“ reicht dafür nicht. „Bullish, IVP über 70“ reicht. Erst dann vergleichst du Gleiches mit Gleichem.

Zwei Schritte geben dir eine Strategie pro Meinung. Drei Schritte geben dir die richtige.

Was ich zusätzlich prüfe, und warum du damit nicht anfangen solltest

Ich handle nach mehr als drei Schritten. Die drei sind das Gerüst, darauf sitzen Filter, die die Antwort in Grenzfällen ändern. Ich nenne sie hier, damit du weißt, was es gibt, und damit du sie in der richtigen Reihenfolge lernst: nach den drei Schritten, nicht statt ihnen.

Der Vola-Aufschlag

Eine hohe IVP sagt, dass die Optionen teurer sind als sonst. Sie sagt nicht, ob sie teurer sind als die Bewegung, die die Aktie tatsächlich macht. Beides fällt oft zusammen: Die Aktie schwankt stark, deshalb sind die Optionen teuer, und wer sie verkauft, bekommt viel Prämie für viel Risiko. Der Aufschlag ist dann null. Ich prüfe deshalb die Volatilitätsprämie, also ob die eingepreiste Bewegung über der realisierten liegt. Ist sie das nicht, verkaufe ich auch bei IVP 90 nichts. Warum hohe Vola allein kein Verkaufsgrund ist, steht ausführlich in Hohe Prämien, hohes Risiko.

Die Terminstruktur

Die Terminstruktur zeigt: Die implizite Volatilität ist nicht für alle Laufzeiten gleich. Normalerweise sind die hinteren Monate teurer als der vordere, das nennt man Contango. In Stressphasen kippt das zur Backwardation, dann ist der Frontmonat am teuersten. Die Kurve verrät mir zwei Dinge: was der Markt für die Zeit nach dem Frontmonat schon eingepreist hat, und was mit meiner Option passiert, wenn sie altert und dabei die Kurve entlangrutscht. Ein Calendar Spread bei steilem Contango kauft zum Beispiel acht Vola-Punkte, die ihm die Kurve mit der Zeit wieder abnimmt. Das sieht man in der Drei-Schritte-Tabelle nicht.

Richtung und Vola hängen zusammen

Bei Aktien steigt die Vola, wenn die Kurse fallen, und fällt, wenn sie steigen. Für bullishe Positionen mit verkauften Optionen ist das Rückenwind: Steigt der Kurs, fällt die Vola, und beides arbeitet für dich. Für bearishe Positionen wirkt es als Dämpfer. Ein Bear Call Spread verliert bei einem Kursrutsch etwas Vega, weil die Vola steigt, gewinnt aber über das Delta, und je weiter die Calls aus dem Geld laufen, desto weniger Vega haben sie. Umgekehrt federt die fallende Vola den Verlust ab, wenn der Kurs gegen dich steigt. Der Trade wird dadurch nicht schlechter, nur ruhiger.

Der eigentliche Unterschied liegt in der Frage, was „bearish“ bei dir heißt. „Steigt nicht über den Widerstand“: Dann ist der Bear Call Spread die richtige Wahl, er gewinnt beim Fallen, beim Seitwärtslaufen und bei einem kleinen Anstieg, und die hohe Vola bezahlt ihn gut. „Fällt deutlich“: Dann bringt der Bear Call Spread nur die Prämie, während der Bear Put Spread oder der Long Put die ganze Bewegung mitnimmt und die steigende Vola obendrauf. Die Tabelle nennt für hohe Vola den Bear Call Spread, weil die Prämie dort am größten ist. Wer einen Absturz erwartet, nimmt trotzdem die gekaufte Seite.

Termine und Laufzeit

Quartalszahlen vor dem Verfall machen aus jedem Trade einen Earnings-Trade, egal was die Tabelle sagt. Und die Laufzeit entscheidet, ob eine Position von der Zeit lebt oder von der Bewegung. Beides prüfe ich vor jedem Einstieg, beides ändert im Zweifel die Strategie.

Diese Filter machen aus drei Schritten mehr. Sie ändern die Antwort nur in Grenzfällen. Meistens liefern die drei Schritte dasselbe Ergebnis. Wer die drei nicht sauber macht, dem helfen die Filter nichts, weil sie ein Gerüst verfeinern, das nicht steht. Wer sie sauber macht, ist den meisten Optionshändlern schon voraus.

Die drei Schritte vor jedem Trade

  1. Marktmeinung: bullish, neutral oder bearish? Ohne Antwort kein Trade.
  2. Vola-Regime: IVP unter 40 heißt kaufen, über 70 heißt verkaufen, dazwischen entscheidet die Richtung.
  3. Strategie: Zeile und Spalte in der Tabelle, Strategie im Schnittpunkt.

Dazu drei Regeln, die immer gelten: Termine vor dem Verfall prüfen. Bei stark steigender Vola warten, bis sie sich beruhigt. Nur mit begrenztem Risiko handeln.


Fazit

Der Unterschied zwischen zwei und drei Schritten ist eine einzige Frage: Sind die Optionen gerade teuer oder günstig? Wer sie stellt, kauft bei günstiger Vola und verkauft bei teurer. Wer sie nicht stellt, überlässt dem Zufall, ob die Vola für oder gegen ihn arbeitet. Auf lange Sicht gewinnt der Zufall nicht.

Ich prüfe mehr als das, und im Club siehst du jeden dieser Filter an echten Positionen. Aber ich habe mit den drei Schritten angefangen, und ich würde es wieder tun. Sie sind einfach genug, um sie jeden Tag zu machen, und gut genug, um die meisten Fehlbauten zu verhindern.

Erst die Marktmeinung, dann die Vola, dann die Strategie. Alles Weitere ist Verfeinerung.

Thorsten Eberhart
Über den Autor

Thorsten Eberhart ist Vollzeit-Trader aus Düsseldorf und erwirtschaftet sein Einkommen mit dem Optionshandel — überwiegend Stillhalterstrategien mit Fokus auf Risikomanagement. Er betreibt Options4Winners und den gleichnamigen YouTube-Kanal.

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Weiterbildung. Er stellt keine Anlageberatung oder konkrete Handlungsempfehlung dar. Der Optionshandel ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals führen. Frühere, historische oder beispielhafte Ergebnisse lassen keine verlässlichen Rückschlüsse auf zukünftige Entwicklungen zu.