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Trading-Wissen

90% Trefferquote – und trotzdem Geld verlieren?

Ja, das geht. Und es passiert häufiger, als die meisten Optionshändler denken.

Eine Trefferquote von 90 % klingt nach einer sicheren Sache. Neun von zehn Trades gewinnen – was soll da schiefgehen? Trotzdem kann genau diese Strategie am Ende des Jahres bei 0 $ oder im Minus stehen. Wie das zusammenpasst, wie man die Trefferquote richtig berechnet, wo ihre Grenzen liegen und welche Kennzahl stattdessen über Erfolg oder Misserfolg entscheidet – darum geht es in diesem Artikel.

Was ist die Trefferquote?

Die Trefferquote (Win Rate) gibt an, welcher Anteil der Trades erfolgreich abgeschlossen wird. Die Formel:

Trefferquote = Anzahl der Gewinntrades ÷ Gesamtzahl der Trades

Rechenbeispiel

100 Trades, davon 85 Gewinntrades und 15 Verlusttrades:

Berechnung
85 ÷ 100 = 0,85 →
Trefferquote 85 %

Zweites Beispiel: 40 von 50 Trades gewinnen. 40 ÷ 50 = 0,80 → Trefferquote 80 %. Die Berechnung selbst ist immer identisch – nur das Zahlenverhältnis ändert sich.

Was sagt die Trefferquote aus – und was nicht?

Die Trefferquote beantwortet ausschließlich eine Frage: Wie oft gewinne ich? Sie sagt nichts darüber aus, wie viel bei einem Gewinn verdient und wie viel bei einem Verlust verloren wird. Genau das ist ihre entscheidende Schwäche – denn eine Strategie mit 90 % Trefferquote kann durch einen einzigen großen Verlusttrade neun kleine Gewinne wieder auslöschen.

Rechenbeispiel: 90 % Trefferquote, Ergebnis 0 $

Bull Put Spread, Gewinnwahrscheinlichkeit 90 %, Gewinn pro Trade 50 $, Verlust pro Trade 450 $. Nach zehn Trades:

TradeErgebnis
1–9je +50 $
10−450 $

9 × 50 $ − 450 $ =

0 $

Trefferquote 90 %, Gewinn 0 $. Das ist die Falle: Die Kennzahl allein wirkt beeindruckend, sagt über das tatsächliche Ergebnis aber nichts aus.

123 456 789 10
Trades 1–9: je +50 $ Trade 10: −450 $

Neun kleine Gewinne, ein großer Verlust – Endergebnis: 0 $

Warum man die Trefferquote trotzdem nutzen sollte

Trotz dieser Schwäche ist die Trefferquote nicht wertlos. Sie hat drei klare Anwendungsfälle:

Genau dieser dritte Punkt führt zur zentralen Größe im Optionshandel: dem Erwartungswert.


Was ist der Erwartungswert?

Der Erwartungswert (Expected Value, EV) beschreibt den durchschnittlichen Gewinn oder Verlust pro Trade, wenn eine Strategie sehr oft wiederholt wird. Er verbindet Trefferquote, Gewinnhöhe und Verlusthöhe in einer einzigen Zahl:

EV = (Trefferquote × ø Gewinn) − ((100 % − Trefferquote) × ø Verlust)

Das ist sofort verständlich, weil jeder weiß, was die Trefferquote ist – die zweite Hälfte der Formel ist einfach die Gegenwahrscheinlichkeit dazu (100 % minus Trefferquote).

Positiver, negativer und neutraler Erwartungswert

Nur ein dauerhaft positiver Erwartungswert rechtfertigt eine Strategie im Live-Handel. Trefferquote und Verhältnis Gewinn/Verlust lassen sich dabei gegeneinander verschieben – solange der EV am Ende positiv bleibt.

EV < 0 · Negativ EV = 0 · Neutral EV > 0 · Positiv

Nur der Bereich rechts der Mitte ist auf Dauer handelbar

Erwartungswert-Rechner

Trefferquote, ø Gewinn und ø Verlust eingeben – der Erwartungswert wird live berechnet:

70 % × 180 $ − 30 % × 320 $
EV = +30,00 $ pro Trade
Positiver Erwartungswert

Rechenbeispiel 1: die 90-%-Strategie von oben

Trefferquote 90 %, ø Gewinn 50 $, ø Verlust 450 $:

Berechnung
90 % × 50 $ = 45 $
(100 % − 90 %) × 450 $ = 10 % × 450 $ = 45 $
45 $ − 45 $ =
EV = 0 $ pro Trade

Der Erwartungswert bestätigt exakt, was das Rechenbeispiel oben schon zeigte: Diese Strategie verdient auf Dauer nichts.

Rechenbeispiel 2: eine 70-%-Strategie

Trefferquote 70 %, ø Gewinn 180 $, ø Verlust 320 $:

Berechnung
70 % × 180 $ = 126 $
(100 % − 70 %) × 320 $ = 30 % × 320 $ = 96 $
126 $ − 96 $ =
EV = +30 $ pro Trade

Trotz niedrigerer Trefferquote (70 % statt 90 %) ist diese Strategie langfristig klar profitabel.

Strategie 1 (90 %) 0 $ Strategie 2 (70 %) +30 $

Höhere Trefferquote schlägt nicht automatisch höheren Erwartungswert

Warum der Erwartungswert der Trefferquote überlegen ist

Die Trefferquote beantwortet "Wie oft gewinne ich?". Der Erwartungswert beantwortet die eigentlich relevante Frage: "Wie viel Geld verdient diese Strategie im Durchschnitt pro Trade?" Eine Strategie mit 95 % Trefferquote kann einen negativen Erwartungswert haben, eine mit 65 % Trefferquote einen deutlich positiven. Nur der Erwartungswert macht Strategien mit unterschiedlicher Trefferquote und unterschiedlichem Risiko-Profil überhaupt vergleichbar.

Wie Trader ihren Erwartungswert einfach berechnen

Der Erwartungswert ist eine Richtschnur, keine exakte Wissenschaft – er lebt von den eigenen Daten. So kommt man in der Praxis dorthin:

  1. Trading-Journal führen: jeden Trade mit Ergebnis (+/−) dokumentieren – ohne saubere Datenbasis kein belastbarer EV.
  2. Mindestens 30–50 Trades sammeln: erst ab dieser Stichprobengröße wird die Auswertung aussagekräftig.
  3. Trefferquote berechnen: Gewinntrades ÷ Gesamtzahl der Trades.
  4. Ø Gewinn und Ø Verlust ermitteln: Summe aller Gewinne ÷ Anzahl Gewinntrades, Summe aller Verluste ÷ Anzahl Verlusttrades.
  5. Formel anwenden: EV = (Trefferquote × Ø Gewinn) − ((100 % − Trefferquote) × Ø Verlust).
  6. Regelmäßig neu berechnen: nach Rollen, Gewinnmitnahmen oder Hedges ändern sich Ø Gewinn, Ø Verlust und Trefferquote – und damit der EV.

Wichtig: Der berechnete Erwartungswert ist immer eine Momentaufnahme auf Basis der bisherigen Trades – als Richtschnur für die Strategieauswahl reicht das völlig aus, als exakte Prognose für den nächsten Trade nicht.