Eigene Auswertung
Die Behauptung steht in jedem zweiten Beitrag über Gamma Exposure. Wir haben sie an 752 Handelstagen gemessen — mit zwei Kontrollen, die die naheliegenden Einwände abdecken.
„Bei negativem Gamma verstärken die Market Maker jede Bewegung, der Markt schwankt stärker." Diesen Satz liest man ständig. Belegt wird er fast nie.
Die Begründung dahinter ist plausibel und schnell erzählt. Wer Optionen verkauft hat, muss sein Risiko absichern — und zwar laufend, weil sich das Delta der Position mit dem Kurs ändert. Wie stark es sich ändert, ist das Gamma.
Halten die Händler auf der Gegenseite insgesamt positives Gamma, zwingt sie die Absicherung gegen den Markt: Sie verkaufen in steigende Kurse und kaufen in fallende. Das dämpft. Halten sie negatives Gamma, dreht sich das um — sie müssen kaufen, wenn es steigt, und verkaufen, wenn es fällt. Das verstärkt. Die Summe dieser Positionen über alle Strikes nennt man Gamma Exposure, kurz GEX.
So weit die Theorie. Die Frage, die uns interessiert hat, ist eine andere: Wie groß ist der Effekt tatsächlich — und bleibt er bestehen, wenn man die naheliegenden Gegenargumente ausschließt? Denn negatives Gamma tritt bevorzugt in nervösen Marktphasen auf. Dass an solchen Tagen mehr passiert, wäre keine Erkenntnis, sondern ein Zirkelschluss.
Wir haben deshalb selbst gerechnet. Was dabei herauskam, bestätigt die Behauptung — aber in einer Größenordnung, die viele überraschen dürfte, und mit einer Streuung, über die selten jemand spricht.
Der wichtigste Punkt bei so einer Messung ist, dass man nicht versehentlich in die Zukunft schaut. Deshalb dieser Aufbau:
Das Gamma-Regime eines Tages wird aus der Optionskette des Handelstages D bestimmt — also aus Beständen, die über Nacht abgerechnet sind und am Morgen des Folgetages feststehen. Gemessen wird dann die Tagesspanne von D+1. Die Einordnung liegt der Messung damit immer voraus. Das ist genau das Bild, das ein Trader morgens tatsächlich vor sich hat.
Berücksichtigt wurden alle Verfälle mit bis zu sieben Tagen Restlaufzeit. Weiter entfernte Verfälle tragen zwar Bestand, aber ihr Gamma ist zu klein, um die Absicherung des laufenden Tages zu prägen. Beim SPX ist das besonders relevant, weil dort täglich Optionen verfallen.
Eine Tagesspanne von 1 % bedeutet in einem ruhigen Sommer etwas anderes als im Oktober 2023. Jeder Tag wird deshalb an seiner eigenen 20-Tage-Norm gemessen — dem Median der Spanne der vorangegangenen 20 Handelstage. Ein Wert von 1,20 heißt: Der Tag war 20 % unruhiger als das, was in dieser Marktphase üblich war.
Über alle 752 Tage lag die mittlere Tagesspanne bei 0,86 %. Aufgeteilt nach Gamma-Regime sieht das so aus:
| Regime am Vortag | Tage | Spanne (Median) | Relativ zur Norm |
|---|---|---|---|
| Negatives Gamma | 275 | 1,12 % | 1,203 |
| Ausgeglichen | 24 | 1,00 % | 1,100 |
| Positives Gamma | 453 | 0,71 % | 0,839 |
Median statt Mittelwert, weil einzelne Ausreißertage sonst das Bild bestimmen würden. „Relativ zur Norm" = 1,000 wäre ein völlig durchschnittlicher Tag.
Die typische Tagesspanne nach einem Tag mit negativem Gamma war rund 58 % größer als nach einem mit positivem. Gemessen an der jeweiligen Marktphase: 20 % über der Norm gegen 16 % darunter.
Bemerkenswert ist auch die Verteilung der Tage selbst. Positives Gamma war mit 453 von 752 Tagen der Normalzustand, negatives mit 275 Tagen die Ausnahme — und die dazwischenliegende Stufe traf nur 24 Tage. Der Markt ist also die meiste Zeit in dem Zustand, in dem die Absicherungsgeschäfte dämpfend wirken.
Wenn der Effekt echt ist, sollte er nicht erst an der Nulllinie einsetzen. Also haben wir die Tage nicht in drei Gruppen geteilt, sondern in fünf gleich große — sortiert danach, wie stark das Netto-Gamma im Verhältnis zum insgesamt vorhandenen Gamma ausgeprägt war.
Mittlere Tagesspanne je Fünftel, relativ zur 20-Tage-Norm des jeweiligen Tages. 752 Handelstage im SPX, 28.08.2023 bis 28.08.2026.
Die Reihe fällt durchgehend: 1,24 · 1,15 · 0,97 · 0,93 · 0,70. Kein Sprung an der Nulllinie, sondern ein gleichmäßiges Gefälle über den gesamten Bereich.
Das ist ein wichtiges Detail. Ein Schwelleneffekt genau bei null wäre verdächtig gewesen — er hätte eher nach einem Artefakt der Einteilung ausgesehen als nach einem Marktmechanismus. Ein abgestufter Zusammenhang dagegen passt zu der Erklärung: Je stärker das Ungleichgewicht, desto mehr Absicherungsvolumen läuft in dieselbe Richtung.
Ein Unterschied in einer Tabelle ist noch kein Befund. Zwei Gegenargumente liegen so nahe, dass eine Auswertung ohne sie wertlos wäre.
Volatilität tritt gebündelt auf — auf einen unruhigen Tag folgt meist ein weiterer. Ein gewöhnlicher Signifikanztest, der jeden Tag als unabhängig behandelt, überschätzt deshalb systematisch, wie belastbar ein Ergebnis ist.
Wir haben stattdessen eine Block-Permutation gerechnet: Die Zuordnung von Regime und Folgetag wird in Blöcken von 20 Handelstagen zufällig vertauscht, sodass die Bündelung erhalten bleibt. Der beobachtete Unterschied lag außerhalb dessen, was dabei zufällig entstand — p < 0,0001. Der naive tageweise Test hätte ein noch schöneres Ergebnis geliefert; genau deshalb haben wir ihn nicht verwendet.
Der stärkere Einwand. Negatives Gamma und ein hoher VIX treten gemeinsam auf — in unseren Daten lag der mittlere VIX an Negativ-Tagen bei 18,7 gegen 15,5 an Positiv-Tagen. Wenn das Gamma-Regime nur ein umständlicher Stellvertreter für die Volatilität wäre, hätte man sich die Rechnung sparen können.
Also haben wir alle Tage nach VIX-Niveau in drei gleich große Gruppen geteilt und den Vergleich innerhalb jeder Gruppe wiederholt. Der Abstand blieb in allen dreien bestehen: 0,241 im unteren VIX-Drittel, 0,360 im mittleren, 0,389 im oberen. Bei vergleichbarem Volatilitätsniveau trennt das Gamma-Regime also weiterhin — es trägt eine Information, die der VIX nicht enthält.
Was diese beiden Kontrollen leisten und was nicht: Sie zeigen, dass der Zusammenhang nicht durch Volatilitätsbündelung oder das allgemeine Vola-Niveau erklärt ist. Sie beweisen keine Ursache. Denkbar bleibt eine dritte Größe, die beides treibt — nur wäre sie mit VIX-Niveau und Vola-Bündelung nicht identisch.
Hier kommt der Teil, der in den meisten Darstellungen fehlt — und ohne den die Zahlen oben falsch verstanden werden.
Ein Unterschied zwischen zwei Medianen sagt nichts darüber, wie stark sich die beiden Gruppen überlappen. In diesem Fall überlappen sie erheblich.
Greift man zufällig einen Tag mit negativem und einen mit positivem Gamma heraus, ist der Negativ-Tag in 71 % der Fälle der unruhigere. Reiner Zufall wären 50 %. Der Zusammenhang ist also klar vorhanden — aber weit entfernt von Verlässlichkeit.
Noch deutlicher wird es aus der anderen Richtung: Fast jeder dritte Tag mit negativem Gamma verlief ruhiger als üblich. Wer daraus ein Signal baut — „negatives Gamma, also kaufe ich Volatilität" — verliert in einem von drei Fällen, und zwar nicht wegen schlechter Ausführung, sondern weil der Zusammenhang genau so beschaffen ist.
Die richtige Lesart: Das Gamma-Regime verschiebt Wahrscheinlichkeiten. Es entscheidet nichts. Es ist eine Größe für die Erwartungshaltung an den Tag — nicht für die Positionsentscheidung.
Gemessen wurde ausschließlich die Größe der Bewegung, nicht ihr Vorzeichen. Negatives Gamma sagt nach diesen Daten nichts darüber, ob der Markt steigt oder fällt — nur, dass die Spanne des Tages tendenziell größer ausfällt. Wer daraus eine Richtungsaussage ableitet, tut das ohne Beleg aus dieser Untersuchung.
Drei Jahre, ein Index, eine zusammenhängende Periode. Die Jahre 2023 bis 2026 hatten ihren eigenen Charakter — unter anderem den starken Bedeutungszuwachs sehr kurzlaufender Optionen. Ob der Zusammenhang in einer anders gearteten Marktphase gleich stark ist, steht damit nicht fest.
Die Messung gilt für den SPX. Auf Einzelaktien ist sie nicht übertragbar: Dort ist der Optionsmarkt im Verhältnis zur Aktie kleiner, es wirken titelspezifische Treiber, und Quartalszahlen würden eine naive Messung dominieren. Wir haben das geprüft und bewusst nicht veröffentlicht, solange es nicht separat gemessen ist.
Ein Zusammenhang, der in 71 % der Fälle in die richtige Richtung zeigt, taugt nicht als Auslöser. Als Rahmen taugt er.
Konkret verändert das Regime die Erwartung an den Tag — und damit Entscheidungen, die man ohnehin trifft. Bei negativem Gamma ist mit größeren Ausschlägen zu rechnen: Enge Stopps werden häufiger ausgelöst, verkaufte Optionen nahe am Geld werden unruhiger, und der Zeitpunkt für eine Anpassung kommt früher als geplant. Bei positivem Gamma gilt das Umgekehrte — es ist das Umfeld, in dem sich Seitwärtsstrategien wohler fühlen.
Was man daraus nicht machen sollte, ist ein Ein- und Ausstiegssignal. Dafür ist die Überlappung zu groß. Wer mit Gamma-Kennzahlen arbeitet, sollte sie behandeln wie eine Wettervorhersage: Sie ändert, was man einpackt, nicht ob man das Haus verlässt.
Und ein methodischer Nebeneffekt, der über dieses Thema hinausgeht: Wir haben dieselbe Prüfung auf die gängigen Signalregeln angewandt, die man im Netz findet — die meisten halten ihr nicht stand. Dass diese hier hält, ist eher die Ausnahme.
Für Clubmitglieder: Das aktuelle Gamma-Regime des SPX, die daraus abgeleitete Spannenerwartung und die Lage der Gamma-Spitzen zeigt das Werkzeug im VIP-Bereich täglich an. Die Zahlen dieser Auswertung sind genau die, auf denen die dortige Aussage beruht.
Ja, der Markt schwankt bei negativem Gamma stärker. Die typische Tagesspanne ist rund 58 % größer, der Zusammenhang ist abgestuft statt sprunghaft, und er überlebt sowohl die Kontrolle auf Volatilitätsbündelung als auch die auf das VIX-Niveau.
Und trotzdem: In fast einem Drittel der Fälle stimmt es nicht. Wer die Kennzahl als Signal behandelt, wird das teuer merken. Wer sie als Erwartungsrahmen behandelt, bekommt eine brauchbare Größe geschenkt — eine, die morgens vor Handelsbeginn bereits feststeht.
Wir veröffentlichen die Auswertung, weil es zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum viel Behauptung und wenig Messung gibt. Wer nachrechnen oder widersprechen will: Der Aufbau steht oben vollständig. Rückmeldungen gern an mail@options4winners.de.
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Weiterbildung. Er stellt keine Anlageberatung oder konkrete Handlungsempfehlung dar. Die dargestellte Auswertung beschreibt einen statistischen Zusammenhang in einem abgeschlossenen historischen Zeitraum; sie erlaubt keine verlässlichen Rückschlüsse auf zukünftige Entwicklungen. Der Optionshandel ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals führen.
Jede Woche eine kostenlose Handelsidee direkt aus meinem Trading-Alltag. Kein Spam. Jederzeit abmeldbar.